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Mittwoch, 13. März 2013

Fragwürdige Quote - Warum Jobcenter die Leiharbeit puschen

Fragwürdige Quote

Warum Jobcenter die Leiharbeit puschen

hr-grafik Leiharbeiter (Bild: hr/ Grafik)Leiharbeit: eine gravierende Fehlsteuerung
Die Jobcenter vermitteln Arbeitslose immer öfter in Leiharbeit - gut für die Statistik, aber nicht immer gut für die Arbeitssuchenden. Vermittlungsquoten und eine boomende Leiharbeitsbranche befeuern diese Entwicklung. 
Jana Philippi ist Industriekauffrau, hat zehn Jahre Berufserfahrung und ist wieder mal auf Jobsuche. In den letzten fünf Jahren war sie bei sechs verschiedenen Leiharbeitsfirmen – vermittelt durch die Agentur für Arbeit: "Wieso die immer wieder in Zeitarbeit vermitteln mit der Gewissheit, dass der Mensch nach drei Monaten schon wieder da steht? Für mich ist das unlogisch, ich kann das nicht begreifen." Wie Jana Philippi geht es vielen Arbeitssuchenden. Auch der Blick in die Jobbörse der Arbeitsagentur zeigt fast nur Angebote von Leiharbeitsfirmen.


Wir fragen nach bei der Bundesagentur für Arbeit, warum sie so stark auf die Vermittlung in Leiharbeit setzt? Ilona Mirtschin von der Bundesagentur für Arbeit erklärt: "Das Potenzial der Zeitarbeit liegt vor allem in der Dynamik, die Zeitarbeit hat weil sie vielfach befristete Verträge abschließt sehr viele Stellen zu besetzen und unsere Aufgabe ist es die Stellen und die Arbeitssuchenden zusammenzubringen."

Den Grundstein dafür legten die Hartz-Reformen vor zehn Jahren. Der Vorwurf damals: Die Bundesagentur sei zu verkrustet, sie solle stärker erfolgsorientiert arbeiten. Quotenvorgaben sollen das regeln. Um die zu erfüllen, setzt man auf die Zeitarbeitsbranche. 2007 werden deshalb Kooperationsverträge mit den Leiharbeitsfirmen geschlossen.

Jetzt aber ist eine Entwicklung eingetreten, die so sicher keiner wollte, findet auch Arbeitsmarktexperte Dieter Döring: "In dem die Bundesagentur bei der Vermittlung sehr stark in Richtung Leiharbeit, in die Richtung dessen was leicht geht, marschiert, züchtet sie natürlich eine Branche heran. Im Grunde hat die Bundesagentur ein Leiharbeitsbranchenförderprogramm aufgelegt ohne es so zu nennen."

Eine gravierende Fehlsteuerung

Welche Dimension, das angenommen hat, belegt auch...
ein internes Papier der Bundesagentur für Arbeit. Der Hauptpersonalrat beklagt eine gravierende Fehlsteuerung bei der Arbeitsvermittlung:

Der Erfolg der Stellenbesetzung geht vor allem auf das Konto der Leiharbeit. 
Einzelne Agenturen erwirtschaften bis zu 70 Prozent ihrer Besetzungserfolge über Leiharbeit.
Es sollte uns nicht wundern, dass seit einigen Jahren in der Arbeitsvermittlung verstärkt auf Leiharbeit gesetzt wird. Die Agenturen sind auf die Erreichung der quantifizierten Ziele fokussiert.

Wir treffen eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur, sie will unerkannt bleiben. Sie zeigt uns interne Listen mit Zielvorgaben: Die so genannte Integrationsquote gibt vor, wie viele Arbeitssuchende pro Monat und Agentur vermittelt werden müssen. "Es gibt Führungskräfte, die mit den Zahlen in der Hand durch die Flure gehen und in die Büros der Mitarbeiter und sagen hier, da fehlt was. Bis Freitag möchte ich von Dir wissen, was du gemacht hast, damit die Quote noch erreicht wird. Es macht für den Arbeitsvermittler keinen Unterschied ob Leiharbeit oder reguläres Beschäftigungsverhältnis. Für die Statistik zählen beide gleich."

"Dinge kritisch überdenken"

Für den Vermittler ist es leichter seine Quote zu erfüllen, wenn er einen Arbeitslosen mehrfach in Leiharbeit vermittelt, statt in eine unbefristete Stelle. Schon sieben Tage Arbeit gelten als erfolgreich vermittelt. "Ich finde die gegenwärtige Praxis der Bundesagentur eigentlich als skandalös", kommentiert der Arbeitsmarktexperte Döring. "Sie vermittelt sozusagen in tendenziell eher schlechtere Jobs, die leichter zu erreichen sind um günstigere Ziffern zu erreichen und tut das in einer Situation wo ein ansteigender Arbeitsmarkt, eine bessere Lage eigentlich ideale Chancen auch auf perspektivische Vermittlung bei gutem Lohn bietet."


Mittlerweile vermittelt die Arbeitsagentur mehr in Leiharbeit als in reguläre Beschäftigung. Die meisten Jobs enden bereits nach drei Monaten. Der Brückeneffekt von Leiharbeit in eine feste Stelle funktioniert nur in acht Prozent der Fälle.

Ilona Mirtschin von der Bundesagentur für Arbeit räumt ein: "Wir werden Dinge kritisch überdenken - was ist möglicherweise nicht gut gelaufen, wo gibt es neue Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, wo müssen wir uns anpassen."

Zu wenig Prüfer - und die falschen...

Jana Philippi will endlich raus aus der Leiharbeit, sie hat fast nur schlechte Erfahrungen gemacht – von Gehaltskürzungen bis hin zu keinem Lohn: "Bei einer Zeitarbeitsfirma hat man mit Schecks bezahlt, ein Scheck wurde nicht bezahlt von der Firma der ist geplatzt, da musste ich zur Polizei und habe eine Anzeige gemacht." Zuständig für die Kontrollen der Zeitarbeitsfirmen ist die Bundesagentur für Arbeit. Hier stehen für derzeit über 20 000 Zeitarbeitsfirmen mit über 900.000 Leiharbeitern gerade einmal 55 Prüfer zur Verfügung. Zu wenige und die falschen, kritisiert Arbeitsmarktexperte Döring: "Es ist absurd jemand zum Kontrolleur zu machen der eine Branche ganz bewusst nutzt als Instrument bessere Ergebnisse bei der Integration zu bekommen. Welche Motive sollte die haben bei der Kontrolle tatsächlich bestimmten Erscheinungsformen entgegen zu wirken. Von denen sie umgekehrt ja profitiert durch Verbesserung ihrer Ziffern."


Zehn Jahre nach den Hartz-Reformen zeigt sich, wir haben bei der Arbeitsvermittlung zu viel Masse und zu wenig Klasse. Erfolgsquoten ja, aber die Qualität und Nachhaltigkeit der Jobs muss wieder mehr Gewicht bekommen.

Bericht: Jacqueline Dreyhaupt

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 13.03.2013. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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